Die Geschichte des Bürgermeisters Konrad Kloos von Oppenrod und der Malerin Antonie Bitsch

Im Jahr 1925 wurde in der damals selbständigen Gemeinde Oppenrod (heute Großgemeinde Buseck) der Ortsbürger Konrad Kloos zum Bürgermeister gewählt.

Geboren im Jahr 1882, verheiratet mit Anna Elisabethe Petri seit 1907, bewirtschaftete er den Hof der Familie seiner Ehefrau in der Grabenstr. 2, der den Dorfnamen „Mandlersch“ trug. Aus der Ehe gingen die Kinder Karl und Emma hervor. Karl heiratete Eleonore Schepp; Emma den Lehrer Gustav Kinzebach, der aus dem Haus Fahrt 1 in Oppenrod stammte. Lydia, Werner, und Ursula gingen aus dieser Ehe hervor. Ursula Kinzebach verheiratete Schmitt berichtete, dass die Familie Petri den evangelischen Glauben sehr bewusst und in großer Verantwortung lebte; gleiches lässt sich für den eingeheirateten Konrad Kloos und dessen Schwiegersohn Gustav feststellen, wie die folgende Geschichte zeigen wird.

Gustav Kinzebach, dessen Lehrerberuf ihn nach Echzell führte, stand der „Bekennenden Kirche“ sehr nahe, spielte sonntags die Kirchenorgel und geriet bald nach der Machtübernahme Hitlers in große Bedrängnis. Bereits 1934 wurde er nach Eschenrod bei Schotten im Vogelsberg strafversetzt, wohin ihm seine Familie folgte. Auch Bürgermeister Kloos, der in Oppenrod großes Ansehen genoss, mittlerweile NSDAP-Parteimitglied, bekam durch sein kirchliches Engagement Schwierigkeiten. Er war ein eifriger Kirchgänger und ließ sich dies von den Nationalsozialisten nicht verbieten, weswegen er regelmäßig montags zum NSDAP-Ortsgruppenleiter Schuhmacher im Nachbarort Burkhardsfelden zitiert wurde, um Druck auf ihn und Gleichgesinnte auszuüben.

Aus der Chronik „750 Jahre Oppenrod“ lässt sich für die Zeit des Dritten Reichs entnehmen, dass sich regelmäßig uniformierte SA-Mitglieder vor der Kirche aufhielten und nach Trauungen ein Spalier bildeten, um die Festgemeinde beim Verlassen der Kirche zu verhöhnen. Auch wurde ein Ortsbürger, der bei einer nicht mehr bekannten Angelegenheit den Hitlergruß verweigerte, für einige Zeit im Konzentrationslager Osthofen bei Worms gefangen gehalten.

Ebenfalls 1934 wurde der Gießener Lehrer Heinrich Bitsch an die Oppenröder Schule strafversetzt. Er war mit Antonie, geborene Brinkmann, einer Kunstmalerin aus Blankenheim im Harz, Jahrgang 1912, verheiratet. Ihre Eltern hatten unterschiedliche Religionszugehörigkeiten. Der Vater bekannte sich zu einer christlichen Religion, ihre Mutter war Jüdin (und nahm sich aufgrund der bevorstehenden Deportation das Leben), so dass Antonie als „Halbjüdin“ galt.

Die im Jahr 1935 erlassenen Rassengesetze und nachfolgenden Verordnungen gefährdeten das Ehepaar mit neuem Wohnsitz Oppenrod zunächst nicht, denn auf einem in der Ortschronik abgebildeten Gruppenfoto der NS-Frauenschaft anlässlich eines Ausflugs im Jahr 1938 sind Antonie und Heinrich Bitsch mit von der Partie.

Antonies Lehrer, der Kunstmaler Heinrich Will aus Treis/Lumda, unterhielt im obersten Stock der Goetheschule in Gießen ein Atelier und war ebenfalls mit einer sogenannten Halbjüdin verheiratet. Sein Leben ist im Buch „Heinrich Will 1895 – 1943. Leben und Werk“ dokumentiert, welches vom Magistrat der Stadt Gießen und dem Oberhessischen Geschichtsverein 1995 herausgegeben und von Bertin Gentges bearbeitet wurde. Dort kann man nachlesen, dass Heinrich Will 1936 der Lehrmeister von Antonie Bitsch war, jedoch gleichzeitig als „Verfemter“ bezeichnet wurde und aufgrund des Drucks der Obrigkeit ein zurückgezogenes Leben führen musste; nicht zuletzt, weil sich der „jüdisch Versippte“ der Aufforderung zur Auflösung seiner Ehe widersetzte. Möglicherweise herrschten in Gießen andere Verhältnisse als in Oppenrod; und anders als Heinrich und Antonie Bitsch stand Heinrich Will im Licht der Öffentlichkeit, da er zunächst den Nationalsozialisten nahestand und 1933 zum Bezirksleiter für den Bezirk Oberhessen des Gaues Hessen-Mittelrhein des Reichskartells der bildenden Künste ernannt, von diesem Posten aber 1936 wieder abberufen wurde. Sein Ende ist bekannt; als Mitglied der sogenannten Kaufmann-Will-Gruppe, die „Feindfunk“ hörte, wurde er zum Tod verurteilt und 1943 in Preungesheim hingerichtet. Seine Ehefrau Elisabeth Henriette Will geb. Klein wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Der Dorflehrer Heinrich Bitsch und der Bürgermeister Konrad Kloos hatten aufgrund ihrer Ämter engen Kontakt, aus dem eine Freundschaft entstand, denn beide Familien besuchten sich gegenseitig anlässlich Geburtstagen und Schlachtfesten. Doch von Seiten der Nationalsozialisten wurde der Druck erhöht. Ob die Parteimitgliedschaft des Konrad Kloos in der Freundschaft mit dem Ehepaar Bitsch eine Rolle spielte, ist nicht mehr aufzuklären, da in der Familie Kloos, offenbar aus Sicherheitsgründen, nicht offen darüber gesprochen wurde. Eine geheime Absprache scheint es aber gegeben zu haben, da die Enkelin des Konrad Kloos sich in ihren schriftlichen Notizen daran erinnert, dass ihre Mutter „immer mit einem Besuch der Frau Bitsch rechnete“. Sie sei „immer und immer wieder“ von ihr darauf hingewiesen worden, nie ein Wort davon zu erzählen. Wie sich erst viel später herausstellte, hatte Konrad Kloos im Zusammenwirken mit seiner Tochter Emma und ihrem Mann Gustav Kinzebach, sowie dem Pfarrer von Eschenrod und einem Arzt namens Laun in Schotten für den Notfall Vorsorge getroffen, indem Frau Bitsch immer eine Fahrkarte der Deutschen Reichsbahn für eine Flucht nach Schotten bei sich führte. Der „Notfall“ bestand darin, dass die Gestapo nach Frau Bitsch suchte und sie offenbar verhören oder verhaften wollte.

Die Aktivitäten der Geheimen Staatspolizei blieben jedoch nicht „geheim“, jedenfalls nicht gegenüber dem Bürgermeister Konrad Kloos. Nach den Angaben von Emmi Diehl aus Oppenrod war es ein Polizist namens Steup aus dem Nachbarort Burkhardsfelden, der ihren Großvater Konrad Kloos mit entsprechenden Hinweisen versorgte, falls die Gestapo wieder einmal in Sachen Antonie Bitsch aktiv werden wollte. Konrad Kloos warnte dann das Ehepaar Bitsch vor der drohenden Gefahr, in dem er - wohl des Nachts - von der Grabenstraße 2 in Oppenrod an der Kirche vorbei zum gegenüberliegenden Schulhaus ging und Bericht erstattete, worauf sich Antonie über einen kleinen Weg heimlich zum Gartengrundstück des Konrad Kloos begab. Dort befand sich ein Hühnerhaus und eine große Menge von Reisig, welches zum Backen im Dorfbackhaus verwendet werden sollte. Unter diesen Reisigbündeln, die sich leicht zu einem Versteck verbauen ließen, musste sie sich bis zur Entwarnung, welche wieder von einem Polizisten an Konrad Kloos überbracht wurde, verstecken.

Wie Antonie Bitsch mir kurz vor ihrem Tod im Jahr 1989 berichtete, müssen diese manchmal tage- und nächtelangen Aufenthalte unter Reisigbündeln mit den entsprechenden hygienischen Bedingungen sehr entwürdigend gewesen sein. Sie fügte hinzu, dass man ihr Lebensmittel unter dem gelagerten Holz hindurch geschoben habe. Im Gegensatz zu Frau Diehl sprach sie von einem Großen-Busecker Polizisten, der die Nachrichten per Fahrrad überbrachte. Ihr Ehemann Heinrich dürfte sich aus Sicherheitsgründen nicht an solchen Versorgungsmaßnahmen beteiligt haben, da nur die Familie Kloos als Eigentümer des Grundstücks unverdächtig blieb.

Antonie hat sich in dieser gefährlichen Zeit auch gelegentlich im Haus des Bürgermeisters aufgehalten. Wie sie mir erzählte, wurden beim Betreten eines Zimmers in der Grabenstraße 2 zunächst die Fensterläden geschlossen und erst danach ein Licht eingeschaltet, da man eine Entdeckung durch den in der Nähe wohnenden NSDAP-Ortsvorsitzenden befürchtete. Die genauen Abläufe, insbesondere die psychischen Zustände der Beteiligten in den letzten Kriegsjahren können nicht mehr rekonstruiert werden. Es erscheint auch kaum vorstellbar, dass sich Frau Bitsch noch unbefangen in ihrer Ehewohnung im Schulhaus oder an anderer Stelle im Dorf aufhalten konnte.

Nach Kriegsende wurde der Bürgermeister Kloos von den Amerikanern mit einem Auto nach Grünberg zu einem Verhör geholt. Die Familie bangte nur wenige Stunden um ihn, bis er wieder zurückkehrte. Er wurde nicht wie andere Bürgermeister und Amtsträger gefangen gesetzt, sondern nur seines Amtes enthoben. Einige Tage später musste er erneut nach Grünberg und wurde als Bürgermeister wieder eingesetzt. Die Enkelin teilte mir schriftlich mit, dass ein Vierteljahr nach der Wiedereinsetzung ihres Großvaters in sein Amt als Bürgermeister entsprechend den Vorstellungen der Besatzungsbehörden ein „unbelasteter“ Mann das Amt übernehmen sollte, da Frau Bitsch den Bürgermeister (wohl gegenüber den amerikanischen Behörden) wegen „unwürdigem Umgang“ belastet habe. Die Enkelin vermutet, Frau Bitsch habe nicht verstanden, dass „die befreundete Familie Kloos einzig diesen (oben beschriebenen) Weg sah, Frau Bitsch vor Konzentrationslager und wahrscheinlichem Tod zu retten.

Zum Glück hat offenbar die amerikanische Verwaltung verstanden, dass mein Großvater Frau Bitsch auf seine Weise gerettet hat vor unsäglichem Leid und Not“. Zum neuen Bürgermeister gewählt wurde Ludwig Brück, ein enger Freund des alten. Noch lange Zeit besprachen beide jeden Sonntagnachmittag die Probleme des Dorfes. Von diesem Ludwig Brück liegt auch eine Chronik für Oppenrod vor. Nach seinen Notizen war Konrad Kloos als Bürgermeister bis zum 20.7.1945 im Amt. Darin ist auch zu lesen: „Dass Bitsch und Frau das dritte Reich überstanden haben, verdanken sie nur dem derzeitigen Bürgermeister Konrad Kloos. Kloos verständigte Bitsch, wenn sie abgeholt werden sollten, sodaß sie immer für eine Zeit verschwinden konnten, Schußwaffen hatte er stets griffbereit. Oft hielt Bitsch die Ansprachen vor der SA., gab vor dass er kein Nazi gewesen sei.“

Zur Erklärung des letzten Satzes obigen Zitats passt ein anderer Abschnitt der erwähnten Chronik des Ludwig Brück: „Die ersten SA. Leute in Oppenrod“, wo u. a. Heinrich Bitsch, Lehrer, Hauptstraße 1, unter der Nr. 170 als Mitglied der Hessen-SA, Standarte 116, Brigade 147, Sturmbann III, Sturm 9, registriert ist. Ludwig Brück berichtet auch von einem Urteil der Gießener Spruchkammer im Rahmen der Entnazifizierung, wonach Konrad Kloos 3470,70 Mark bezahlen musste. Er sei am schwersten betroffen gewesen (wohl von Oppenröder Bürgern). Im Archiv der Großgemeinde Buseck konnte eine eidesstattliche Erklärung des Heinrich Bitsch, mittlerweile städtischer Kulturreferent in Gießen, vom 21.9.1946 aufgefunden werden, wonach Konrad Kloos im Rahmen seiner Amtsführung bei der Aushebung des Volkssturms die Einziehung verzögert habe, indem er Stellungsbefehle in der Zustellung verschleppte, dadurch in den Kreisen der Amtswalter unbeliebt wurde und sich „stärkstens“ gefährdete; geheime Anfragen von Gestapo und Kreisleitung über das Ehepaar Bitsch seien ihm durch Kloos sofort mitgeteilt worden. Er habe verschiedene Male amtlichen Stellen die jüdische Versippung (des Heinrich Bitsch) verschwiegen, sodass dieser seine Tarnung gegenüber NSDAP und Gestapo verhältnismäßig lange halten konnte. Auch habe er ihm (Bitsch) bei Dienststrafverfahren geholfen, die gegen ihn von Darmstadt aus wegen politischer Unzuverlässigkeit liefen und gegen seine amtlichen Verpflichtungen gehandelt. Aus der Biografie der Dagmar Klein über Antonie Bitsch lässt sich entnehmen, dass Heinrich Bitsch auf eine Karriere als Intendant in Berlin wegen seiner „jüdischen Versippung“ verzichten musste. Auch ihm wurde wohl nahegelegt, seine Ehe aufzulösen. Dieses war also anderen Behörden im Dritten Reich sehr wohl bekannt und auch Grundlage seiner Strafversetzung nach Oppenrod. Wenn er in seiner Erklärung vom 21.9.1945 von seiner Tarnung schreibt, die er „verhältnismäßig lange halten konnte“, dann wirft dies auch ein Licht auf den mangelnden Datenfluss in dieser Zeit, der manchen vor größerem Unheil bewahrte.

Konrad Kloos starb 1975 im Alter von 92 Jahren, ohne dass er mit Frau Bitsch nach Kriegsende über die damalige Situation gesprochen hatte. „Er hat sie deswegen nie verurteilt, war aber sehr traurig über ihr Verhalten“, deutet Frau Schmitt seinen Seelenzustand. Ihre Cousine Emmi Diehl, die noch heute das Anwesen „Mandlersch“ bewohnt, konnte über das Schicksal des Polizisten Steup aus Burkhardsfelden, der sich durch sein Verhalten in Lebensgefahr brachte, nichts mehr herausfinden.

Aus dem Familienstammbuch für Burkhardsfelden lässt sich jedoch entnehmen, dass eine Frau Anna Steup (1882-1955) mit einem Adolf Horn verheiratet war, der nach Bestätigungen anderer Ortsbürger Hilfspolizist und zuvor im Ersten Weltkrieg in Darmstadt beim 115. Regiment stationiert war. Er soll ein sehr strenger Ordnungshüter gewesen sein; die Burkhardsfeldener haben ihn „Marschall“ genannt. Da Horn ausschließlich in diesem Ort tätig war und wohl keine Gelegenheiten besaß, Nachrichten über die Vorhaben der Gestapo zu erlangen, scheint es nicht ausgeschlossen, dass er mit dem Großen-Busecker Polizisten Otto Fritz zusammenwirkte, der möglicherweise Zugang zu weitergehenden Informationen hatte oder sogar in diese „Amtshandlungen“ eingebunden war. Beide waren übrigens eng befreundet; sie sollen sich auch nach dem Krieg noch oft getroffen haben.

Erst am Grab des Konrad Kloos sollten andere Verdienste gewürdigt werden. Ein Sprecher der Heimatvertriebenen schilderte den Einsatz des Altbürgermeisters für ihre gute Unterbringung und auch, dass dieser entgegen des Verbots der amerikanischen Behörden im Gemeindewald Bäume fällte, um notleidende Flüchtlinge zum Heizen ihrer Wohnungen mit Brennholz zu versorgen. Seine Familie wusste nichts von seinen staatsfeindlichen Aktivitäten während des Dritten Reiches. Erst viel später wurde seine Rolle beim Verstecken der Antonie Bitsch ans Licht befördert. So konnte auch sein Verhalten in den letzten Lebensmonaten erklärt werden, als er, von Demenz geplagt und bettlägerig, sich hinter Kissen vor „drei Leuten aus Gießen“ verbergen wollte, womit wohl die drei Gestapo-Beamten gemeint waren. Auch sein großer Eifer, möglichst viel Reisig in Bündeln auf seinem Gartengrundstück zu lagern, erschloss sich nun seinen Angehörigen.

 

 

 

Quelle: Wolfgang Münch, Busecker Geschichtsbrief 2/2012, Informationsschreiben des Heimatkundlichen Arbeitskreises Buseck e.V.