Von mehreren betrübten Auftritten dieser Art nur noch folgender, welcher für mich schon als Kind das größte Unglück war, und an welchen ich die ganze Zeit meines Lebens nicht, ohne die innigste Wehmuth, habe denken können. Ich verlohr selbst meinen Vater – ungekannt durch die Wuth der bösen Wetter.

Der 4te December 1758 war der traurige Tag, an welchem er des Morgens zwischen 8 und 9 Uhr nebst dem Steiger umkam, dem Staate, Gattin und Kindern entrissen ward.

Mein Vater, Johann Adam Becher, war Hütten-Kommissär, und hatte den Auftrag, einen Schacht auf dem Stockhäuser Bergwerk anzugeben, damit der Arbeit ein frischer Wetterwechsel verschaft, und sie von den bösen Wettern befreiet würde. Um sich dieses Auftrages entledigen zu können, war ein Abzug nöthig, welcher, bei dem Mangel an guten Wettern, beschwerlich und höchst gefährlich war, Doch durch den Gedanken, daß die Westerwälder bei dem so nahen Winter, in Ansehung des Brandes in die größte Verlegenheit kommen, und der Kälte Preis gegeben werden würden, wenn er unverrichteter Sache zurückkehren müßte, wagte er etwas, das Patriotismus und Schätzung der Ehre nur rechtfertigen, nur gut heißen können.

Vergebens versucht er mit 6 bis 8 Gehülfen die Strecke, auf die der Schacht sollte, zu ziehen. Die Lichter verlöschen aber immer. Er denkt also, daß ihrer zu viel darin seyen und dadurch die Wetter noch mehr verdorben würden. Er begiebt sich daher mit allen zurück unter den Schacht, wodurch er eingefahren, welcher etwa 7 Lachter tief gewesen seyn kann, und faßt da den unglücklichen Gedanken, die Stunde des Orts ohngefehr mit dem Kompaß zunehmen, und hernach dessen Länge im Dunkeln ohne Licht mit der Kette mit Hülfe des Steigers zu messen. Gedacht geschehen! Er und der Steiger sind kaum 8 Minuten weg; so geht der Schichtmeister, welcher mit den übrigen, die bei dieser trauervollen Scene waren, noch am Leben, nach, ist kaum im Ort; hört er röcheln ruft um Hülfe, die andern springen ihm nach, die erstere greifen den Steiger, zween andere meinen Vater, der noch lebt, und die Hände seinen Rettern entgegen streckt. Allein den einen davon überwältigen die mit Tod geschwängerte Wetter, er fällt sinnlos um. Man läst meinen Vater liegen und schaft ienen unter den Schacht, bis nachher wieder Hülfe kam, war seine Seele in die Gefilde des Friedens entwichen. – Wo: kein Schwadengift und kein Gerül, ihm weiter schaden konnte!

Er war mit dem Steiger tod.

Ob nicht noch Rettung, Zurückbringung ins Leben am Tag möglich gewesen, wenn die gehörige Mittel versucht worden, ist ein Gedanke, den ich nicht denken kann!

Das Lob der Rechtschaffenheit seiner Zeitgenossen, hat mein Vater mit hinübergenommen, auf seinem längst ebenen Grabe, das der Kirchhof zu Marienberg einschließt, ruht noch der Ruhm eines braven Mannes, und das ganze Verdienst des Bergmanns, der im Dienste des Staats unter nützlichem Bestreben stirbt.

Immer ruhmvoller Tod!!

Mein herzlichster Wunsch ist, daß dies seine Nachkommen beständig tief empfinden; dann wird nie Mangel der Vaterlandliebe ihr Fehler seyn.

 

Quelle: „Mineralogische Beschreibung der Oranien-Nassauischen Lande“, von Johan Phillip Becher, 1789, Marburg in der neuen akademischen Buchhandlung