Auswanderung

Aus Daaden wollten bereits 1753 einige arme Familien auswandern und stellten daher einen Antrag an die nassauische Regierung, die Erlaubnis zum Verkauf ihrer Häuser zu erhalten. In den Akten liest sich das dann folgendermaßen:

„In der ganzen hiesigen Grafschaft sind wohl keine Gemeinden mit Mannschaften und Rauch-Stätten derart zu ihrem größten Nachteil und Schaden übersetzet, als Daaden und Biersdoe Es sind nun dermalen verschiedene Inwohner entschlossen, noch im instehenden Frühjahr nach America zu ziehen, dafern ihnen erlaubt wird, ihre meist baufälligen und schlechte Hütten zum Abbruch zu verkaufen. Die zum Abzug gesonnenen Unterthanen haben baldige Resolution gebeten, damit ihre Abkäufer sich zeitig um das benötigte Geld zur Bezahlungbewerben können "

Die betroffenen Daadener erhielten die Erlaubnis und wanderten noch im gleichen Jahr aus.

 

2 Auswanderer schreiben 40 Jahre nach ihrer Auswanderung einen Brief in die Heimat:

"Unsern Gruss zuvor!

Hertzgeliebter Bruder nebst, allen Gefreundten mit ihren Familien!

Seythdeme dass ich Anna Maria von euch auss Teutschland in America bin, ich niemahlen die Gelegenheit habe finden können, von meinem Leben und Beschaffenheit euch ein wenig zu berichten. Nachdeme aber nun ein guther Freund von der Pfaltz Nahmens Stephan Franck, ein Nachbahr von uns in die Pfalnz verreisset und in eurer Gegend zu thun hat, so habe nicht unterlassen können, um euch Gefreunde aufzusuchen und zu erfahren, wie es mit euch stehet. Berichte euch, das wir im Jahr 1710 zu Neujorg [New York] sind ankommen von unserer langen und beschwerlichen Reiss und daselbst in der Fremde mein Mann Henrich Heger an einer schnellen Kranckheit, da er mittag gesund und abens gestorben.

Im Jahr 1753 entschlossen sich mehrere Familien aus dem Daadener Raum, in die USA auszuwandern. Heute scheint dieser frühe Zeitpunkt äußerst ungewöhnlich, wenn man die enormen Strapazen bedenkt, die mit der Überfahrt und den anschließenden Unwägbarkeiten eines fremden Landes auf die Auswanderer zukamen. Anlässlich dieser schweren Entscheidung fragen wir uns heute, was der Auslöser für diesen Entschluss war. Hierüber kann man natürlich nur Vermutungen anstellen: 

War es die bittere Armmut, welche die Bauern im Westerwald ertragen mussten? Waren es die ewigen Gängeleien der weit entfernt residierenden Landesherren, wie die Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach und die Markgrafen von Brandenburg-Onolzbach oder waren es fremde Soldaten, die durch den Westerwald zogen und der armen Bevölkerung die letzten Lebensmittel und sogar das Vieh abnahmen?

August Müller wird am 23. Februar 1874 als Sohn des Peter Müller III in Langenbach bei Kirburg geboren. Seine Schwester Theodora Johanna Müller heiratet am 24. Juni 1911 den am 26. Juni 1884 in Marienberg geborenen Albert Steup.

August Müller wanderte 1892 im Alter von 18 Jahren in die USA aus und hat nach seiner Emigration viele Briefe1) an seine Verwandten in der alten Heimat geschrieben. Daraus ist zu entnehmen das er wohl in erster Linie weniger aus wirtschaftlichen Gründen emigrierte sondern um dem Preußischen Militärdienst zu entfliehen. In vielen Briefen schreibt er von seinem Heimweh nach der alten Heimat und seinen alten Freunden. In ebenso vielen Briefen spielt das Geld 2), das er seinen Verwandten zur Unterstützung schickt, eines der Hauptthemen.

Über Chicago geht seine Anreise zum ersten längeren Aufenthalt in Hillsboro, Marion County in Kansas. Hillsboro wurde nach John Gillespie Hill benannt, der sich 1871 als erster dort niederließ. Im Jahr 2010 hatte Hillsboro 2993 Einwohner.

Ab Juli 1892 verbringt er mehrere Jahre in Monte Vista im Rio Grande County in Colorado bei seinem Verwandten Louis Weyand. Im Jahr 2000 hatte Monte Vista 4529 Einwohner.

Ab August 1899 arbeitet er als Maschinist in der Goldgräberstadt Summitville im Rio Grande County, ca 40 km von Monte Vista entfernt. Summitville ist heute eine Geisterstadt.

1901 versucht August mit vier anderen Goldgräbern eine eigene Grube in Platoro, Colorado zu betreiben.

Die Historikerin Dr. Kirsten Seelbach beschreibt in Ihrem Artikel „Auf nach Amerika! Armutsflüchtlinge und Auswanderer im 19. Jahrhundert“, aus welchen Gründen Menschen im 19. Jahrhundert ihre Heimat verließen und wie sie im Land ihrer Hoffnung empfangen wurden.

 

„Jetzt ist die Zeit und Stunde da,/ wir reisen nach Amerika./ Die Wagen stehn schon vor der Tür,/ mit Weib und Kind marschieren wir"1.

 

So beginnt ein beliebtes Auswandererlied des 19. Jahrhunderts. Positiv und fröhlich klingt es, nach großem Abenteuer und Vorfreude. Doch ob den Auswanderern tatsächlich immer so leicht ums Herz war? Was brachte Menschen dazu, alles zurückzulassen und in die Fremde zu ziehen?

Armut brachte und bringt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und ihr Glück in der Fremde zu suchen. Wetterumschwünge, Hungersnöte, Seuchen führten dazu, dass Siedlungsgebiete weniger attraktiv wurden und neue Gebiete gefunden werden mussten, um das eigene Überleben zu sichern. In der Spätantike führte dies zur „Völkerwanderung", einer großen Migrationsbewegung von Ost nach Weste. Nach der Großen Pest des 14. Jahrhunderts, dem Schwarzen Tod, zogen die Überlebenden oft in die großen Städte3. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges und die Auswirkungen der Kleinen Eiszeit des 17. Jahrhunderts führten dazu, dass unter anderem auch auf dem Westerwald größere Armut als zuvor herrschte. Während der Industrialisierung zogen die neuen Arbeitsplätze in den Städten viele Menschen an; es kam zur Landflucht.

Doch die größten Flüchtlingswellen aufgrund von Verfolgung, Armut und Hunger gab es wohl im ausgehenden 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts. Migrationsbewegungen innerhalb Europas entstanden bereits in Folge der Konfessionalisierung der europäischen Staaten: Einwohner eines Herrschaftsgebiets konnten ihre Religion nicht frei wählen, sondern mussten der Religion des Herrschers folgen. Daher zog es so manchen aus religiösen Gründen in die Ferne. Sicherlich sehr bekannt — und sehr folgenreich — war die Auswanderung der „Pilgrim Fathers" aus England in die Neuengland-Kolonien Nordamerikas, die dort mit Jamestown die erste erfolgreiche Ansiedlung der Engländer gründeten.4 Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war die europäische Binnenmigration aber bedeutender als die Überseemigration5. So kamen auch die zahlreichen Hugenotten aus Frankreich ins Königreich Preußen.

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