Hillsboro, den 15. Mai 1892


Lieber Vater und Geschwister!

Ihr werdet meinen Brief erhalten haben und schon lange auf den 2. gewartet haben. Ich wollte warten bis ich einen Brief von Euch erhielt, doch habe ich bis dahin noch keinen. Ich habe auch gar kein großes Verlangen nach einem Brief, wenn ich nur immer wüßte, daß Ihr noch alle gesund wärd und es euch gut ginge, so brauchtet Ihr mir gar nicht zu schreiben.
Mir geht es hier sehr gut und Ihr braucht Euch keine Gedanken über mich zu machen. Es sind dies sehr brave Leute. Ich gehe sonntags nach August Weyand, wo dann auch Heinrich hinkommt oder umgekehrt und dann wird gewöhnlich von seiner Dummheit gesprochen, daß man so dumm gewesen ist und bleibt so lange in Deutschland. Wir sind alle 3 bloß eine halbe Stunde voneinander.

Es ist hier sehr warm und schon alles gesät und gepflanzt. Der Roggen bekommt schon Ähren. Ich habe immer mit 3 Pferden gepflügt. Es ist eine wahre Lust mit Pferden zu fahren. Wenn jetzt Robert hier wäre, was würde das eine Freude sein.

Auf der Schifffahrt hat es mir schlecht gegangen, dort fällt einem beinahe das Leid in die Schuhe, doch so viel größere Freude hat man, wenn man hier ankommt. Ihr kämet, der Kerl hat uns einmal richtig angeschmiert, doch so leicht darf man nicht verzagen, und Ihr würdet hier um so größere Freude haben. Wir halten schon ein sehr schlechtes Schiff und die Behandlung war schlecht.

Die Briefe werden Euch alle zu kurz sein, doch so viel ist mir am schreiben nicht gelegen, Hoffentlich seid ihr noch alle so gesund und wohl wie ich.

Herzlichen Gruß an Euch alle.

Euer August

Feiert fröhliche Kirmes und haltet gute und vergnügte Feiertage wie ich auch.

 

Quelle: "Wir hatten ein schlechtes Schiff..." Briefe eines Westerwälder Amerika-Auswanderers 1892-1914