Monte Vista, den 3.7.92

Ihr Lieben.

Lange werdet ihr vergebens auf einen Brief und Geld gewartet haben, doch Euer Brief kam zu spät für mich an. Ich wollte gerade vor 14 Tagen, als der Brief ankam, von Hillsboro wegfahren und hatte schon das Billett. lch hatte gewartet bis in den letzten Juni, aber als der Mennoniten-Pfaff [Peter Unruh] einmal wußte, daß ich nicht länger mehr bei ihm bleiben wollte, da wollte er mich auch nicht länger mehr behalten und so zog ich nun los aufs Geradewohl. Ich hatte 27 Dollar bei dem verdient und das Billet kostete mich 22 Dollar. Doch das werde ich bald wieder heraus bekommen. Ich bekomme hier jetzt 15 Dollar den Monat und wenn ich einmal eine Zeit lang hier bin, dann bekomme ich 20 Dollar den Monat, das macht dann auf das Jahr 1000 Mark.

Hier habe ich es sehr gut. Ich werde behandelt wie ein Kind. Sonntags gehe ich alsmal auf die Jagd und Fischfang. Heute morgen habe ich 2 Hasen und einen kleinen Präriehund geschossen, die sind ungefähr wie ein junger Hund.

Morgen ist hier Feiertag zur Erinnerung an das Aufhören der Sklaverei. Dann fahren ich, Lois und Onkel nach der Stadt, dann gibt's da Bier zu trinken.

Was sagt Robert zu dem Brief.

Ich bin jetzt alleine hier, doch überm Heumachen werden wir noch einen Knecht mieten. Wir leben hier richtig nach der Gesundheit. Morgens gibts Eier oder Fleisch, mittags und abends Fleisch soviel man will. Hier braucht man keinen Kirmeskuchen, hier ißt man jeden Tag Kirmeskuchen.

An Wilhelm Janz wage ich keine 50 Cent, denn er ist doch keinen Schuß Pulver wert. Lois sagt, er solle mal herkommen, er wolle ihn mal schwarz und blau hauen. Wenn Lois diese Woche auf die Bank geht, wird er 25 Dollar schicken.

Wärd Ihr morgen hier, so könntet Ihr das Bier helfen trinken.

Es ist jetzt Zeit für mich ins Zelt zu gehen, denn es ist Zeit zum Schlafen gehen. Es ist mir nicht viel am Schreiben gelegen und denke, Lois hat das übrige geschrieben.

Herzlichen Gruß an Euch alle von Eurem August

Beste Grüße an Großmutter, Onkel Friedrich und Gart, Gote in Biersdorf und Familie Kessler und meine Schulkameraden. Hoffentlich seid ihr alle noch so gesund wie ich.

August

 

Quelle: "Wir hatten ein schlechtes Schiff..." Briefe eines Westerwälder Amerika-Auswanderers 1892-1914