Monte Vista August, den 15th 1896


Lieber Vater und Geschwister!

Euren Brief habe diese Woche erhalten und daraus ersehen, daß Ihr schon lange auf einen Brief gewartet habt Wie lange ich nicht geschrieben habe, weiß ich nicht, doch weiß ich, daß es eine lange Zeit ist, seit ich nicht mehr geschrieben habe. Ich wollte schon lange schreiben, bin aber niemals dazu gekommen.

Ich bin schon seit März von Louis weg und habe für drei Monate nichts getan. Ich bin jetzt an einem andern Platze am arbeiten.

Karl hat mir immer geschrieben, daß er ein alter Junggeselle bleiben wollte, doch scheint er seine Absicht geändert zu haben. Ich sende ihm hiermit meine herzlichsten Glückwünsche. Er hatte mir auch einmal geschrieben, wie lange zurück, kann ich nicht sagen, doch muß es doch an 7-8 Monate zurück sein.

Ich war erstaunt zu hören, daß Tante Sophie gestorben ist. Es ist auch hart für Onkel. Sagt ihm mein herzlichstes Beileid.

Ihr bittet um etwas Geld. Da es mir nicht möglich ist, gleich Geld zu schicken, müßt Ihr wohl noch ein paar Wochen warten bis ich Euch etwas schicken kann. Es ist jetzt wenig Geld hier zu verdienen. In Deutschland denkt man, 10-20 Dollar das ist viel Geld, doch wo alles so viel kostet. Wie hier ist noch nicht soviel wie 10-20 Mark bei Euch.

Wir haben letzte Woche Heu gemacht und der Weizen ist auch reif zum Schneiden. Ich weiß diesmal nicht viel zu schreiben und will nun schließen.

Mit vielen Grüßen an alle.

Euer August


Meine Adresse:
Mr. August Müller
Care of Mister Georg Zahnen
Monte Vista Colorado

 

Quelle: "Wir hatten ein schlechtes Schiff..." Briefe eines Westerwälder Amerika-Auswanderers 1892-1914