Febr. 4-1912

Lieber Vater und Schwester!

Euern lieben Brief vorgestern erhalten und will ich Euch heute antworten.

Auf alle Fälle war ich Euch einen Brief schuldig und hätte schon lange schreiben sollen, aber ich schreibe nicht gern, wenn nicht alles gut geht, und ich Euch kein Geld schicken kann. Ich habe übrigens ein Jahr lang an niemand geschrieben.

Daß ich Eurer vergessen würde, ist ja Unsinn, doch Ihr wißt, wie es geht, wenn man selbst im Geschäft ist und die Sachen gehen nicht vom besten. Die Zeiten hier sind sehr schlecht und niemand hat Geld, doch scheinen alle Leute zu denken, daß es bessere Zeiten gebe nächsten Sommer. Daß man mit Hindernissen kämpfen muß, hab ich leider herausgefunden, denn im Leben gibt's ja weiter nichts wie Hindernisse. Ich kann nicht begreifen, warum Ihr Euch herumplagen wollt, verkauft doch alles, was Ihr habt, und macht Euch Eure alten Tage so gut wie möglich. Sollte ich jemals wieder in die Lage kommen, daß ich Euch aushelfen kann, werde ich es gerne tun. Doch wie es jetzt mit mir steht, ist es unmöglich.

Sonst weiß ich nichts zu schreiben. Hoffentlich werden die Geschäfte nächsten Sommer besser gehen.

Emilie schrieb mir, ungefähr ein Jahr zurück, daß ihr Sohn gestorben wäre, habe ihren Brief nicht beantwortet, und wußte nicht, daß ihr Mädchen auch gestorben ist. Es ist wohl viel Gram für die Eltern, doch ist es besser für die, die gestorben sind, denn sie sind allen Lasten enthoben und brauchen sich nicht auf dieser Welt herumzuplagen, denn man hat ja doch weiter nichts wie Kummer und Sorgen auf dieser Welt.

Ich will nun schließen. Hoffentlich trifft Euch dieser Brief gesund an.


Euer Sohn und Bruder
August






Quelle: "Wir hatten ein schlechtes Schiff..." Briefe eines Westerwälder Amerika-Auswanderers 1892-1914