Ende 1897 verfasst der Marienberger Pfarrer W. Heyn in den "Mitteilungen des Vereins für Nassauische Altertumskunde an seine Mitglieder" einen Beitrag über den Notstand des Westerwaldes im 19. Jahrhundert.

Wer heute noch vom armen Westerwald redet, kennt den Westerwald nicht. Seine Verhältnisse haben sich in den letzten 20 Jahren völlig umgestaltet. Den Westerwäldern geht es heute vortrefflich. Der Fortschritt in jeder Beziehung ist oben auf den Bergen eingezogen.

Schon einmal hat der Westerwald seine gute, alte Zeit gehabt. Das schließt freilich ein, dass es auf dem Westerwald auch einmal nicht gut ausgesehen hat. In der Tat, die Westerwälder Geschichte weiß von einem großen Notstand zu reden, der merkwürdigerweise gerade da seinen Anfang nahm, als vor hundert Jahren etwa die elende deutsche Kleinstaaterei zu Ende war und eine Zeit anbrach, in der sich in den deutschen Landen der Wohlstand, wenn auch langsam, so doch unausgesetzt mehrte.

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts hat dieser Notstand seinen Höhepunkt erreicht, seine Nachwirkungen gehen aber deutlich merkbar bis in die Zeit vor 30 Jahren hinein. In dieser Zeit bekam das Gebirge, von dem der Chronist Textor am Anfang des 18. Jahrhunderts wegen seines Wohlstandes sagt: „Wir können es billig unser nassauisches Holl- und Friesland nennen, dafür ansehen und halten", die Bezeichnung „der arme Westerwald", und es hat sie schließlich bis auf unsere Tage bei denjenigen, die die heutigen Verhältnisse des Westerwaldes nicht kennen, behalten.

Aber das Schlimmste bei der Sache war, dass den Westerwäldern ihre Heimat selbst in der Wertschätzung sank und niemand mehr zugeben wollte, dass er auf dem Westerwald wohne. Manchem Wanderer ist es ohne Zweifel begegnet, dass, wenn er den Südabhang des Gebirges hinaufstieg und Umfrage hielt, wo denn eigentlich der Westerwald beginne, er immer weiter nordwärts gewiesen wurde. Und hatte er dann den höchsten Kamm überstiegen und ging nördlich zu Tal, so wiesen ihn die Leute wieder zum Südabhang zurück; und etwas davon hat sich noch bis heute erhalten. Wenn an einem Winterabend der Schneesturm über den Westerwald fegt, wenns „Jaigt" wie die Leute sagen, dann denkt der Westerwälder an die, welche noch höher wohnen, und die's noch schlimmer haben als er und bedient sich der auf dem Westerwald viel gebrauchten Redensart: „Wie wird's heute auf dem Wald aussehen?"

Später hat das Volk dann Punkte festgelegt, an denen nach seiner Meinung der Westerwald beginnt, so z.B. in Marienberg am letzten Haus nach Hof zu, auf der alten Mainzer Straße beim Hexenbäumchen, etwa 600 m nördlich von Rennerod.

Doch um auf den großen Notstand zu kommen: Wo haben wir die Ursachen zu suchen? Man hört vielfach behaupten, das Unheil, das den Westerwald betroffen habe, komme von der in früheren Zeiten sozusagen systematischen Entwaldung desselben her. Gewiss, die Entwaldung ist eine der Ursachen. Das Klima, das oben niemals ein paradiesisches gewesen sein mag, wurde umso rauer, den Anbau der Kulturgewächse machten Sturm und Hagel, Schnee und Nässe umso weniger lohnend, je mehr der Wald verschwand; den Westerwäldern, die während des Mittelalters, wie ich früher einmal gezeigt habe, größtenteils vom Walde lebten, war der Wald genommen.

Aber im 18. Jahrhundert ist der Wald doch auch schon fort. Die Verhältnisse sind aber immer noch erträglich.

Manche sind auch gewöhnt, die Regierungen, unter denen der Westerwald stand, dafür verantwortlich zu machen, dass auf dem Westerwald die Verhältnisse nach und nach so trostlos geworden sind. Gewiss, der Staat früherer Zeiten hatte kein sonderliches Interesse an solchen Gegenden, die von Natur nicht besonders gesegnet waren und dazu noch Grenzgebiete, sozusagen Grenz wälle darstellten. Grenzwälle und Grenzgräben pflegte man ehedem wüste liegen zu lassen. Die Bewohner solcher Striche konnten sich mit Recht Stiefkinder des Staates nennen. Und wenn auch wirklich die Nassau-Oranische Regierung dem an der äußersten Westgrenze gelegenen Westerwald nur ein kümmerliches Pflichtteil ihrer Kulturpflege zu teil werden Heß, so kann man das von der Herzoglich Nassauischen Regierung nicht sagen, deren 51 jährige Zeit so ziemlich mit dem Notstand des Westerwaldes zusammenfällt. Gewiss, Fehler sind von ihr gemacht worden, aber am Notstand des Westerwaldes trägt sie keine Schuld. Sie bekam den Westerwald erst, als er sich bereits in der Not befand, und sie war von Anfang an bestrebt, den gesunkenen Wohlstand mit den Mitteln der Zeit wieder aufzuhelfen. Für soziale Hilfe im heutigen Sinne waren jene Zeiten aber noch nicht angetan und wer hätte sie auch für den Westerwald erwarten wollen.

Mit unserem Landstrich erhielt Nassau eine Menge Länder und Ländchen von oft allerkleinster Größe; in vielen sah es auch nicht gut aus. So wohnte z. B. im östlichen Taunus ein verkommenes Bauernvolk, am Rhein ein nicht viel besseres Winzerproletariat (W. H. Riehl, Land und Leute, 1861). Sollte sich die Herzoglich Nassauische Regierung des Westerwaldes besonders annehmen, auf dem arme, aber zufriedene und bedürfnislose Bauern wohnten? Sie war vor eine andere Aufgabe gestellt: aus dem buntscheckigen Vielerlei von Ländern und Stückchen ein Ganzes, einen Staat zu machen, und ich denke, sie hat in den 51 Jahren ihres Bestandes diese Aufgabe geradezu meisterhaft gelöst.

Nicht die Entwaldung ist der letzte Grund für die Verarmung des Westerwaldes und auch die vortrefflichste Regierung wäre nicht imstande gewesen, die Verarmung mit den damaligen Mitteln aufzuhalten. Ihre Ursachen waren eben keine zufälligen, willkürlichen, sondern innere; die gesamten Verhältnisse waren andere geworden. Die Armut, die ehedem auf dem Westerwald nicht naturnotwendig war, wurde es dadurch, dass der europäische und deutsche Handel und Wandel mit dem Ende des 18. Jahrhunderts veränderte Bahnen annahm; der ohnehin schon in einem einsamen Gebirgswinkel gelegene Westerwald wurde nun ganz in die Ecke geschoben und seine natürlichen, seine Bodenverhältnisse entzogen ihn dem großen Strome des Verkehrs und die Westerwälder blieben als arme Bauern eigensinnig, wie nun einmal die Bewohner solcher Gegenden sind, seitab stehen. Das neue Jahrhundert wusste mit dem abgelegenen Gebirge nichts anzufangen. Riehl sagt sehr treffend:

„Der ganze eigentümliche Entwickelungsgang unseres Kulturlebens, wenn man will, die Weltgeschichte, hat sich wie ein tragisches Schicksal auf diese Berge gelegt".

In den früheren Zeiten waren überhaupt die Gaben viel gleichmäßiger verteilt und auch die unwirtlichen Gebirge standen viel weniger in der Kultur zurück, wie die gesegneten Ebenen zu ihren Füßen. Die großen Straßen des Weltverkehrs gingen ehemals gerade über die Westerwälder Berge. Auch der Westerwald konnte eine verkehrsreiche Gegend genannt werden. Über den höchsten Westerwald, am Gipfel des Salzburger Kopfes vorbei, führte die Köln-Leipziger Handelsstraße, die in der Nähe von Neukirch von der alten Mainzer und in Altenkirchen von der uralten Via Regia gekreuzt wurde, die über Frankfurt und Köln führend, das südliche Deutschland mit den Niederlanden, dem damaligen Haupthandelsland der Welt, verband. Man kann sich kaum einen Begriff machen von dem außerordentlichen Verkehr, der auf diesen Straßen herrschte. Es gab eben noch keine Eisenbahnen, drunten durch die Täler waren noch keine Straßen gebaut, von einer Schifffahrt auf dem Rhein konnte noch keine Rede sein. Die Straßen hatten also den ganzen Verkehr zu bewältigen. Frachtwagen folgten auf Frachtwagen, Tag für Tag, jahraus, jahrein, hochbeladen mit Gütern und oft mit 20 und mehr Pferden bespannt. Aber auch die sonstigen Fuhrwerke waren außerordentlich zahlreich; wer nur eben etwas war oder etwas sein wollte, kam nicht zu Fuß daher, sondern in einer Kalesche, mindestens aber hoch zu Ross. Dann begegnete man den unförmig großen Postwagen, die der Bedeutung dieser Straßen entsprechend mehrmals des Tages nach beiden Richtungen hinfuhren. Aber die Fußgänger fehlten auch nicht, ihrer waren gerade zu Tag für Tag ein Heer. Wallfahrer, fahrende Studenten, herrenlose Kriegsknechte, die nach Beendigung eines Krieges nach Kriegsabenteuern suchten; in Europa schlug man zu jener Zeit irgendwo immer aufeinander. Dazu kam die Menge der fahrenden Leute und Landstreicher, der Umgänger mit Geigen und Leiern und anderem Saitenspiel; der Spitzbuben und Landbettler, der Wahrsager, Teufelsfänger und anderer Gauner. Auch die Kollegen und Vorläufer unserer heutigen Ärzte traf man in großer Anzahl: Zahnbrecher und Theriaks Krämer, Bruch- und Steinschneider, Thüringer und andere Quacksalber. All dieses Volk musste sich auf der öffentlichen Straße halten, einen Gemeindeweg zu benutzen war streng verboten. Man kann sich denken, dass in den Orten, durch welche die Landstraßen führten, ein Leben und ein Treiben herrschte, wie heute auf manchem der großen Bahnhöfe. In Hof z.B. sollen in dem großen Fuhrmannshaus (Spornhauer'sches Haus) noch in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts des Abends sehr häufig 100 und mehr Pferde eingestellt worden sein.

Dem Westerwald hatten diese Straßen einen Teil des Weltverkehrs und der Kultur gebracht. Diese Handelswege verödeten jetzt. Der Verkehr stieg immer mehr in die Täler und die großen Flussläufe hinab; und diese für den Westerwald rückläufige Verkehrsbewegung wird dann mit der Eröffnung der um denselben rings herumführenden Eisenbahnen zum Abschluss gebracht. Der Westerwald hat keine Spur von Verkehr mehr, aber rings in den Vorbergen ist neuer Verkehr eingezogen: im Norden und Nordosten fängt die Eisenindustrie an, aufzublühen, reiche Kupfer- und Silberbergwerke erschließen sich da, wo gerade der Westerwald aufhört, im Kannenbäckerlande zieht neuer Gewerbefleiß ein, im Süden an der Lahn ist durch die Eisenbahn neues Leben entstanden. Dagegen hat der Westerwald, der nebenbei bemerkt, in seinem Schoße eine Fülle von kostbaren Mineralien birgt, nur noch seine kümmerliche Braunkohlenindustrie zu setzen. Die Westerwälder Bauern hatten von diesem Umschwung der Verhältnisse nichts gemerkt. Sie blieben Bauern, wie ihre Väter gewesen waren und jetzt, da aller Nebenverdienst aus dem Verkehr und aus dem Transport von Eisenstein und Kohlen zu den Hüttenwerken, der vorher recht bedeutend gewesen war, für sie wegfiel, waren sie auf die Landwirtschaft als die fast alleinige Nahrungsquelle gewiesen. Aber das Traurige war, im Betrieb der Landwirtschaft hatten sie auch keinen Fortschritt gemacht; auch die Viehzucht betrieben sie in der Urväterweise weiter. Sie ' waren sozusagen als mittelalterliche Bauern mit in die neue Zeit getreten, bebauten in mittelalterlichem Schlendrian das Feld, nahmen vom Boden, was er gerade trug, ohne ihm auch nur die geringste Pflege zu Teil werden zu lassen. Die Westerwälder hätten unter den veränderten Verhältnissen die fortschrittlichsten Landwirte sein sollen, aber sie waren die verstocktesten ökonomischen Reaktionäre. Der Fortschritt wohnte in den Tälern.

Aber während die Wirtschaftsverhältnisse mittelalterliche blieben, stellten sich doch allerhand moderne Bedürfnisse ein. Die Männer wollten die Tabakspfeife nicht entbehren, und der Kaffee fing an, das eigentliche Westerwälder Getränk zu werden, das er bis heute geblieben ist. Den Kaffee konnte man aber wieder ohne Zucker nicht trinken. Dagegen halfen auch die drakonischen Verordnungen der alten Oranischen Regierung am Ende des 18. Jahrhunderts nichts, wonach der Verkauf von Kaffee auf dem Lande gänzlich verboten war, und im vierten Übertretungsfalle mit Zuchthaus bestraft werden sollte, und man alle Forderungen aus dem Handel mit Kaffee, Tee oder Zucker als nicht einklagbar erklärte, man auch das Tabakrauchen nur dem gestattete, der nachzuweisen vermochte, das er jährlich 50 Tabakpflanzen selbst ziehe. Auch der Staat war modern geworden und verlangte Steuern in bar von den Leuten, bei denen das bare Geld eine sehr rare Sache war. Dazu kam noch ein Umstand. Übervölkerung hatte sich auf dem Westerwald eingestellt. Das mag zunächst befremdlich klingen; denn vergleicht man die Einwohnerzahl mit der Ziffer des Flächengehalts, so könnte man den Schluss machen, das Volk habe auf dem Westerwald nicht allzu dicht, im Gegenteil zu dünn gesessen. Bekanntlich muss man aber bei den Schlüssen aus nackten statistischen Zahlen sehr vorsichtig sein. Der größte Teil des Bodens bestand aus Wüsteneien und jenen Flächen, besät mit Basaltblöcken, als habe der Himmel im Zorn Steine herabgehagelt; das angebaute Land selbst warf nur einen unverhältnismäßig geringen Ertrag ab (Riehl a. a. 0.) Letzterer hatte am Anfang des Jahrhunderts mit dem übrigen Verdienst noch grade hingereicht, die Bevölkerung bei niederer Lebenshaltung zu ernähren, falls keine besonderen Kalamitäten eintraten. Aber nun nahm seit Anfang des Jahrhunderts die Bevölkerung rasch zu; in den beiden Ämtern Marienberg und Rennerod, die beide ganz auf dem hohen Westerwald liegen, und die am Anfang des Jahrhunderts zusammen 18000 Einwohner zählten, haben wir im Jahre 1850 über 24000 Seelen. Also der an und für sich schon sehr enge Nahrungsspielraum ist wesentlich eingeengt, die zugänglichen Erwerbsquellen haben sich bedeutend vermindert, aber 6000 Menschen sollen allein in dem genannten kleinen Bezirk mehr ernährt werden.

Auch aus einer anderen Statistik ergibt sich die Unhaltbarkeit der Zustände. Braucht an der Lahn eine Familie, um bei bescheidenen Ansprüchen leben zu können, 10 - 12 Morgen Land, so hat sie dazu auf dem unteren Westerwald 12 - 15 und auf dem oberen 15 - 20 Morgen nötig (J. Plenze, Westerwälder Hausierer und Landgänger, 1898, S. 16). Aber noch nicht einmal der Hälfte der Familien stand die genannte Morgenzahl zur Verfügung. Und da, wie wir gehört haben, die Bevölkerung von 1800 - 1850 um 33% zunahm und sämtliche Leute noch auf dem Westerwald ihre Nahrung suchten, verkleinerten sich die einzelnen Betriebe von Jahr zu Jahr. Die Enkel von recht ansehnlichen Grundbesitzern konnten nur noch geringe Bäuerchen genannt werden.

Also selbst in normalen Jahren konnte es so auf die Dauer nicht weiter gehen. Aber die Unglücksjahre blieben dem Westerwald nicht erspart, und führten durch Hunger und Not, die sie im Gefolge hatten, die Krisis herbei, in der sich das wirtschaftliche Leben des Westerwaldes zur Gesundheit aufraffte. Die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts waren bereits infolge eines mehrjährigen Kornmißwachses recht traurig gewesen, aber es war nur eine gelegentliche, keine durch innere Ursachen bedingte Not, wie sie früher keiner Gegend erspart blieb, die auf sich selbst angewiesen war (Plenze a. a. 0. S. 20). Erst das 19. Jahrhundert brachte den eigentlichen Notstand. Der Westerwald hatte in den Kriegsjahren von 1795 - 1801 viel zu leiden gehabt; die Einquartierungen wollten nicht enden und hörten eigentlich erst nach den Freiheitskriegen ganz auf, und nun kamen die Jahre 1816 und 1817 dem bereits ausgesogenen Westerwald als zwei furchtbare Hungerjahre, in denen überhaupt nichts geriet. Es folgten zwar die fruchtbaren 20er Jahre, in denen sich das Gebirge wieder einigermaßen erholen konnte, aber mehr auch nicht. Jäh wurden sie unterbrochen durch die Viehseuchen in dem Jahre 1828, die besonders dem hohen Westerwald das raubten, mit dem er bisher noch gewirtschaftet hatte und durch das Hungerjahr 1829, dem ein außerordentlich harter Winter folgte. Im Frühling 1830 fand eine allgemeine Landeskollekte für den heimgesuchten Westerwald statt (Plenze a. a. 0.). Die Not war indessen immer noch nicht chronisch. Man hatte noch Kartoffeln, auf deren Anbau man sich nun ganz verlegte, und in denen man das eigentliche Westerwälder Gewächs, das alle Not für ewig bannen sollte, glaubte gefunden zu haben; ihr Anbau lohnte auch in der ersten Zeit ungemein.

Das ging so bis zum Jahre 1840. Da gerieten infolge des Auftretens der Kartoffelfäule auch die Kartoffeln nicht mehr, und alle Versuche in den folgenden Jahren, der Kartoffelzucht wieder aufzuhelfen, blieben fruchtlos. Im Februar 1847 kostete der Zentner Kartoffeln 4 M., das war ein unerhörter Preis in damaliger Zeit. Aber auch für diesen Preis waren im folgenden Frühjahr Setzkartoffeln nicht mehr zu haben und sehr bezeichnend ist das Schreiben eines Schultheißen : „Da hier niemand ist, welcher Vorrat an Kartoffeln hat und kann in unserer Umgegend auch keinen ermitteln, welcher Vorrat an Kartoffeln besitzt, so kann ich nicht angeben, wo fehlende Kartoffeln käuflich zu erhalten sind. Doch wird bemerkt, dass niemand von den Bürgern ganz arm ist; doch müssen sie sich von Taglohn ernähren und der Verdienst ist in diesem Augenblick schlecht und bares Geld ist bei denselben nicht vorhanden" (Plenze a. a. 0. S. 21). Damit war denn für einige Jahre der Kartoffelbau sehr eingeschränkt und die Kartoffel bildete einen Leckerbissen auf dem Tische der Westerwälder Bauern, auf dem aber auch sonst kaum etwas aufgetragen werden konnte. Während in diesen Jahren den Westerwäldern die Nahrung aus eigner Wirtschaft immer mehr ausging und ihm das letzte bisschen Verdienst aus Handel und Gewerbe durch die um den Westerwald blühende Verkehrswirtschaft entzogen wurde, waren die Brotpreise seit 1830 beständig gestiegen, die Löhne aber hatten nicht nur nicht zu folgen vermocht, sondern waren gesunken, da das Arbeitsangebot die Arbeitsnachfrage bei weitem überstieg, und in den meisten mittleren Familien 2 — 3 verfügbare Kräfte vorhanden waren, die vollständig brach lagen. Ein Bergmann brachte aus den Braunkohlengruben, wenn es gut ging, 20 bis höchstens 25 Kr. mit heim. Die Handwerker und Tagelöhner taten es viel billiger; ein Zimmermann oder Maurer erhielt in der Kost des Bauern, wenn er Meister war, 16, ein Schuhmacher 10 bis 12 Kr., der Schneider bot seine Künste für 8 Kr. für den Tag an, das sind nach unserem Geld etwa 28 Pfg. (K. Braun, Mordgeschichten I. 137). Allein die Bauern konnten auch diesen Tagelohn nicht mehr bezahlen, sie lassen nur die Arbeiten ausführen, die unumgänglich nötig waren, alles andere aber verkommen und verfallen. Zeitweise kostete aber der Laib Brot 30 Kreuzer; ein Schneider musste um denselben also 4 volle Tage arbeiten. Fiel die Ernte zwischendurch wirklich einmal einigermaßen aus, so stand der Bauer alsbald wieder vor dem nichts; denn sofort nach der Ernte musste alles Getreide zu Geld gemacht werden; der Jude, der lange gewartet hatte und in dessen Händen die kleinen Bauern ohne Ausnahme waren, wollte seine Zinsen mit Wucher haben, auch der Staat hatte keine Lust, für die Bezahlung der schon längst fälligen Steuern und Renten längeren Ausstand zu geben, es wurde ihm ohnehin schwer genug, zu dem Seinen zu kommen, obwohl ein ganzes Heer von Exekutoren, die Feldwebel und Korporale der Reserve auf der Jagd nach Steuern und sonstigen Gefällen die Ortschaften durchzogen. Die Exekution oder der Feldwebel ist im Dorf! war damals ein Schreckruf für die Bewohner. Der Schultheiß lief dann im Dorf umher und bat um Gotteswillen diejenigen, die noch einen Kreuzer Geld im Hause hatten, ihm für die Gepfändeten etwas Geld zu geben, damit dass Unglück wieder aus dem Dorf komme. Auf die Dauer tat es dieses Verfahren auch nicht mehr. Die gering Bemittelten mussten einen Acker nach dem andern losschlagen, aber Äcker geringer Größe wurde man nicht einmal los, man bot oft ganze Äcker für 2 - 3 Stückelchen, das sind 18 Kreuzerstücke aus, aber vergeblich. Als diese Art des Steuereintreibens alsbald auch versagte, griff man zu anderen Mitteln. Die Rentämter schickten unmittelbar nach der Ernte Drescher hinaus, um das Getreide in den Scheunen der Bauern auszudreschen und danach die Frucht als Steuerersatz in die Rentamtsspeicher zu bringen. Da man hierbei aber auf mancherlei Schwierigkeiten stieß und die Dreschflegel der Bauern fürchtete, kamen Wagen, um das Getreide ungedroschen von den Äckern zum Rentamt zu fahren. Auch dieses Mittel stumpfte sich ab, da die eingebrachten Früchte die Fuhrkosten nicht deckten. Das letzte erfolgreiche Mittel beim Steuereintreiben war dann dies: Der Feldwebel stellte sich regelmäßig in der Woche vor Kirchweih oder der großen Feste ein: das half (K. Braun a. a. 0. S. 136).

Oben habe ich schon darauf hingewiesen, dass mit der Not des Westerwaldes die Landwirtschaft auch immer mehr in Verfall geriet, und, ob die Jahre gut oder schlecht waren, nichts mehr einbrachte. Eine gewisse Mutlosigkeit hatte sich der Westerwälder bemächtigt; es ging ihnen wie einem Geschäftsmann, der unmittelbar vor dem Bankerott steht, und der weiß, mit aller Sorgfalt und mit allem Fleiß werde ich meinem Geschäft doch nicht mehr aufhelfen, und nun die Hände vollends mutlos sinken lässt. Auf dem hohen Westerwald lagen die Verhältnisse immer noch besser als in dem oberen Elbtalgebiet; dort war wenigstens immer noch, wenn auch nicht Viehzucht, so doch Viehhaltung möglich, die Braunkohlengruben boten immer noch etwas Verdienst, mit der Herstellung von Leinentuch — in jedem Haushalt war noch ein Webstuhl — und dem Vertrieb desselben wurde noch mancher Groschen verdient. Freilich für die vielen, die ernährt werden wollten, reichte das bei weitem nicht aus. Aber im Elbtal und auf der sogenannten Lasterbach im Amte Rennerod standen die Leute vor dem nichts. Im Frühjahr fehlte es an Zugvieh, die armseligen Kühe hatten meistens die Haare verloren und waren zu kraftlos, wie es heißt, um neue Haare zu erzeugen. Dieses armselige Zugvieh konnte sich kaum leer gegen den Wind fortbewegen und sollte nun den Dung hinausfahren. Daher musste der wenige Dung oft in der Grube bleiben, bis der junge Klee das herabgekommene Vieh wieder etwas gekräftigt hatte. Aber geackert musste doch werden, man zog daher die Furchen so dünn als möglich, schürfte bloß den Rasen über der Ackerkrume etwas ab und säte über die Furchen den Hafer, der nicht untergeeggt, sondern mit der umgekehrten Egge etwas verschleißt wurde. Bei solcher Bearbeitung des Bodens war natürlich kein Erfolg zu erwarten.

Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier; es konnte also nicht fehlen, dass solche sich einstellten, die die Notlage des Westerwaldes ausnutzten. Beim Fehlen aller Kreditanstalten waren sie mit Erfolg als die Bankiers tätig. Viele Bauern hatten eine Schuldenlast auf sich geladen, die jemals abzutragen unmöglich schien, von der die unverhältnismäßig hohen Wucherzinsen nicht einmal aufzubringen waren. Juden und Judengenossen hatten dazu in großartigem Masse Viehverleihgeschäfte eingerichtet. Die Bauern auf dem Westerwald hörten auf, Viehbesitzer zu sein, sie wurden gegen Zinsen, die allen Nutzen am Leihvieh unmöglich machten, zu Viehhaltern.

Es ist selbstverständlich, dass die Lebenshaltung bei solcher Dürftigkeit der Nahrungsquellen eine geradezu erbärmliche war. Allgemein üblich war, dem Mehl so viel geriebene Kartoffeln zuzugeben, dass das daraus bereitete Brot noch eben zusammenhielt. Dies Brot wurde des Morgens zum Kaffee genossen, der aber nicht aus Kaffeebohnen, sondern aus gerösteten Mohren bereitet war. Frauen, die es tun konnten, setzten auch etwas indischen Kaffee zu, je nach der Vermögenslage 8 - 10 Würfe von je 5 Bohnen. Chicorée war auch bekannt unter dem Namen „Päckelches" und wurde als Delikatesse hochgeschätzt und in Klumpchen von Bohnengröße verwendet. Des Mittags gab es gestampfte Kartoffeln oder einen aus Kartoffeln bereiteten sogenannten Topf- oder Dippekuchen, des Abends gab es Kartoffeln in Schale mit Milch, oder wenn diese fehlte, mit rohem Sauerkraut. Der Dippekuchen war das eigentliche tägliche Gericht. Damit aber beim Backen nicht zu viel Öl oder anderes Fett erforderlich wurde, durfte in dem Tiegel oder Bräter nie etwas anderes bereitet werden, er musste glatt bleiben und den Kuchen gut rutschen lassen, und wurde daher vor dem Gebrauche mit einer Speckschwarte ausgewischt

Ich habe bereits ausgeführt, dass auch die Kartoffeln jahrelang sehr rar waren. Dann war eben der Hunger der tägliche Gast in ungezählten Familien. War Milch vorhanden, so gab es besonders auf dem hohen Westerwald des Abends und Morgens Hafermehlsuppe, des Sonntags wohl auch einmal als Leckerbissen Haferbrei. Fleischgenuss war ein verpönter Luxus. Auch in den Familien in günstigerer Lage konnte davon nur an der Kirmes und an den höchsten Feiertagen die Rede sein.

Einen verhältnismäßig sehr hohen Preis hatte in der damaligen Zeit das Salz, das Pfund kostete infolge der hohen Steuer im Nassauischen 31 Kreuzer; da dieselbe Menge im angrenzenden Preußischen für 2 Kreuzer zu haben war, so entwickelte sich ein lebhafter Schmuggelhandel über die Grenze. Allein die nassauische Regierung fand, dass der Westerwald zu wenig Salz brauche, sie bestimmte daher das Quantum Salz, das jede Familie verzehren müsse. Ein jeder Bürger erhielt ein Salzbüchlein, musste sein Quantum beim Schultheißen holen und sich das Abholen bescheinigen lassen. Das Volk nannte das die Salzkonskription, und behauptete eine gute Obrigkeit zu haben, die es für seine Gesundheit Salz lecken lasse, wie die Schafe.

In diesen traurigen Zeiten wurden die Westerwälder an den Hunger gewöhnt und die Alten packt heute noch die Erregung, wenn sie an das Elend und den Hunger besonders der Jahre 1846/47 und 1854/55 sich erinnern und uns erzählen, dass das Elend dieser Jahre noch gemehrt worden sei durch außerordentlich strenge und lange Winter, der Preis des Brennmaterials dagegen unerschwinglich hoch gewesen sei.

Damals aber, im Notstand selbst, machte sich von Erregung, von Jammer und Klagen nichts bemerkbar. Im Gegenteil, das Volk war noch geneigt, über das eigene Elend zu scherzen. In Braun‘s Mordgeschichten sagt einer, der zum Bericht über die Notlage des Westerwaldes aufgefordert worden ist: Der Volkshumor war in jenen traurigen Zeiten sehr tätig und erfinderisch, man personifizierte den Hunger, der regelmäßig im Frühling, wenn die Kartoffeln ausgingen, sich einzustellen pflegte unter dem Namen „Simon" und erzählte sich, dass der Simon bereits beim Hans oder Peter eingekehrt, oder dass man selbst schon einen Ringkampf mit ihm bestanden; man versichere auch vom Simon, dass derselbe den Geruch des Brotes nicht vertragen könne und daher erst am Fenster anklopfe und nach frage, ob das Haus rein sei, ehe er einzutreten wage. Von einzelnen armen Dörfern wurde sogar erzählt, dass der Schultheiß alljährlich auf Gemeindekosten eine große Speckschwarte kaufe und in seinem Hause aufbewahre. Der Ortsdiener durchwandere dann an jedem Morgen, in der Linken die Schelle, in der Rechten die Speckschwarte, das Dorf. Beim Erklingen der Schelle erscheine jede Hausfrau auf der Schwelle mit dem Bräter in der Hand, den dann der Ortsdiener mit der Gemeindeschwarte rasch ausstreiche, um sich zum nächsten Hause zu wenden und dort in derselben Weise tätig zu sein (Braun a.a.O.S.138-140).

Auch Riehl, der in diesen Notjahren den Westerwald besucht hat und der in seiner naturnotwendigen passiven Armut einen Anachronismus der Zeit, den letzten Schatten der mittelalterlichen Hungersnöte sieht, der über das Gebirge streift und in den Bewohnern selbst die letzten Repräsentanten der armen Leute des Mittelalters sieht, rühmt die Ergebenheit, mit der das Elend getragen wurde. Er schreibt: „Die Armut ist hier ein Erbstück des Volkes geworden, der Hunger ist nicht bloß heuer, sondern in jedem Frühling der treueste Hausfreund.

Es geht diesen Leuten wie dem Wild, wie den Vögeln, die auch im Sommer fette und im Winter magere Jahre haben. Sonst ist der Begriff von Armut schwer zu bestimmen, hier ganz leicht. Diese Naturkinder sind arm, weil sie mit ihrem Kartoffelvorrat bis zum Juni hätten reichen sollen und haben nur bis zum Februar ausgereicht. Sie sind arm, nicht weil die Summe ihrer Bedürfnisse im Missverhältnis stände zur Summe ihrer Arbeitskraft, sondern nur zur Summe des schlechten Wetters vom vorigen Jahr. Der Himmel hat ihren Hunger größer werden lassen als ihre Kartoffeln" (Riehl a. a. 0. S. 334). Für den Westerwald insbesondere treffen diese Worte zu. In sozialem Betracht war der Westerwald eine großartige historische Ruine geworden und fräs der eigentliche hohe Westerwald nie gesehen hatte — die Westerwälder sind freie Leute gewesen zu allen Zeiten, die Luft dort oben hatte frei gemacht; in den Tälern wohnten die Leibeignen, die armen Leute - das sah er jetzt, die armen Leute des Mittelalters. Aber es waren noch echte, wenn auch verarmte Bauern, die nichts zu tun hatten mit den modernen armen Leuten, den Proletariern von heute, deren Armut eine Folge der verfeinerten Sitte und der daraus erwachsenen Bedürfnisse ist.

Marienberg i. Ww

W. Heyn