Wolfgang Husserl dient zusammen mit Erich Christian Paul Steup während des 1. Weltkriegs im Reserve Infanterie-Regiment 234. Aufgrund einer zeitgleich erhaltenen Verwundung im Februar 1915  liegt er zusammen mit Erich Steup im Reserve-Feldlazarett 87 in Oostnieuwkerke, einer Provinz in West-Flandern. Sein Bruder Gerhart Husserl besucht ihn im Lazrett und schreibt von dort verschiedene Briefe an ihre Eltern. Zwei der Briefe erwähnen Erich Steup.

 

Der erste Brief ist datiert vom 22.2.1915:

Liebe Eltern! 

Oostnieuwkerke, 22.2.15

Eben komme ich aus dem Reserve-Feldlazarett 87, wo ich Wolfgang im Bette schlafend vorfand. … Das einzig Beschwerliche ist ihm das ewige auf dem Rücken liegen. Die Atembeschwerden sind schon ganz gering. Die ersten 2 Tage spuckte er bei Husten etwas Blut, doch ist das jetzt auch fast vorbei. … Der Transport hierher muss sehr unangenehm gewesen sein. Nun liegt er wohlgeborgen vor feindlichen Geschossen in einem hellen Saal unter lauter guten, hilfsbereiten Menschen. Das Lazarett ist mit allen neuzeitlichen Einrichtungen ausgestattet und sicher so gut wie jedes im Inland. Man hat ihn gestern Morgen operiert, d.h. die Kugel herausgenommen. Sie saß links vorne dicht unter den Rippen.

Der Schuss ging also durch den Brustkorb, hat aber keine Rippe ernstlich lädiert und die Lunge auch nur leicht angeritzt. Die Schusswirkung war infolge des Durchschlagens des Geschosses durch die Deckung stark herabgemindert. Das Geschoss selbst, das Wolfgang aufbewahrt, ist Französisch und hat folgende verbogene Form:

Geschossform

Von Lebensgefahr keine Rede. Bei ganz glatter Heilung ist Wolf in 14 Tagen bis 3 Wochen bereits Rekonvaleszent. Komplikationen durch Eiterung, Entzündung sind natürlich immer möglich, würden aber auch nicht ohne weiteres sehr bedenklich. Man wird ihn jedenfalls mindestens 2 Wochen hier behalten, da Transporte bei solchen Verletzungen stets gefährlich sind. …

Ihr seht also liebe Leute, es steht alles zum Besten, und wir können Gott danken, dass alles so gekommen ist.

Ein großes Glück war vor allem, dass es gelang, ihn gleich morgens aus dem Graben und sogar ins Lazarett zu kriegen. Möglich war das nur infolge des famosen Verhaltens der beiden freiwilligen Begleiter, Landwehrmann Wagner und Kriegsfreiwilliger Steup. Es war ganz hell und wir wurden bemerkt und übel beschossen. Steup hat dabei einen Lendenschluss erhalten, der glücklicherweise (direkt am Rückenmark vorbei!) ungefährlich und nur Fleischschuss ist, aber doch lange brauchen wird. Der gute Junge liegt auch hier im selben Lazarett und ist guten Mutes. Wagner ist über 30 Jahre und gewiss verheiratet. Beide sind (auf mein persönliches Verwenden) sofort dem Regiment zum Eisernen Kreuz eingereicht und bekommen es gewiss. – Der Anteil der Kompanie ist sehr groß. Alles ließ ihn grüßen, er wird genug Besuche bekommen!

Mir geht’s meist gut, ich habe Freude an der Führung der Korporalschaft und komme mit dem Kompanieführer auch etwas näher zusammen. Wenn ich es weiter gut mache, habe ich keine schlechten Aussichten. Wir sind in Poelkapelle mit großer Mühe untergekommen. Das Nest wird immer mehr zerschossen und immer stärker belegt. Um 12 Uhr (wir kamen um 9) hatte ich glücklich meine Leute untergebracht. Man kann nun ein paar Tage schlafen. Ah!

Auf Wiedersehen, Gerhart

 

Der zweite Brief ist vom 26.2.1915:

Liebe Eltern!                                                  

Oostnieuwkerke, 26.2.15 abends

Wolfgang geht es vorzüglich, alles nach Wunsch des Arztes. Das Husten wird gelindert und lässt nach. … Die zwei, die außer mir am 20. morgens Wolfgang nach Poelkapelle hereinbegleiteten, haben das Eiserne Kreuz erhalten, mit Recht. Der eine (Steup) liegt selbst verwundet im Lazarett 87, kommt aber bald nach Hause.

Schluss, Gerhart

 

 Nach Genesung ist Wolfgang Husserl ein Jahr später am 8. März 1916 vor Verdun gefallen.

 

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